Mittwoch, 28. November 2012

Armes Deutschland


Deutschland geht es gut!

Alle vier Jahre erstellt das Bundesarbeitsministerium einen „Armutsbericht“. Und der Diesjährige macht seinem Namen tatsächlich alle Ehre. Hinsichtlich dessen, was der Bürger von einem Bericht erwartet, darf das Papier – wie der Tagesschaubeitrag vom 28.11.2012* belegt - durchaus als armselig gelten. In Bezug auf wichtige Informationen ist das Elaborat ebenfalls eher als arm zu bezeichnen.

Aber inzwischen unterliegt der Bürger ohnehin einer gravierenden Fehleinschätzung, wenn er glaubt, Regierungsberichte, Gesetze oder Ähnliches hätten irgendetwas mit gesellschaftlichen Realitäten zu tun. Denn – wie hier bereits mehrfach dargestellt – ist mit Deutschland ja nicht die Gesellschaft, sondern sind mit diesem Schlagwort lediglich die politischen und wirtschaftlichen Profiteure von Krisen und Armut gemeint. Und in diesem Sinne ist es natürlich völlig richtig, wenn sinkende Reallöhne in der überarbeiteten Fassung des „Berichtes“ als "Ausdruck struktureller Verbesserungen" am Arbeitsmarkt verstanden werden. Völlig unsinnig hingegen die Vorstellung von verschärften Armutsrisiken. Die existieren ja nun wirklich nicht für Deutschland und alle, die nicht dazugehören, haben natürlich auch keinen Anspruch darauf, im Bericht erwähnt zu werden.

Die Meinung eines Wiedergängers

Der Bericht ist in all seinen Facetten eine Zustands- und Standortbeschreibung der Bundesregierung. Da geht es – wie Philipp Rösler feststellt – um „die Meinung der Bundesregierung“. Und wer sich fragt, warum ausgerechnet Rösler – sozusagen als politischer Wiedergänger - seinen Senf dazu gibt, der sei – auch wenn er es kaum glauben kann - daran erinnert: Philipp Rösler und nicht Josef Ackermann ist Bundeswirtschaftsminister. Und der kann natürlich nur für sein Deutschland sprechen. Nein, von Verwässerung, Verschleierung und Beschönigung – wie die Opposition und Gewerkschaften die redaktionelle Überarbeitung des Berichts zur sozialen und mentalen Armut der Bundesregierung bezeichnen - kann nun wirklich keine Rede sein. Man muss einfach nur wissen, auf was sich das Elaborat bezieht und wes Geistes Kind es ist.
Und was den immer wieder von Regierungsgegnern ins Feld geführten sozialen Sprengstoff betrifft – völliger Blödsinn. Bevor sich die Bürger außerhalb des Regierungsdeutschland zum Aufstand gegen die Obrigkeit hinreißen lassen, muss schon ein Regierungssprecher versehentlich die magischen Worte fallen lassen: „Ab sofort darf jeder . . . .“.

Ein positiver Bericht und der Aufbruch in eine strahlende Zukunft

Eines ist an der ganzen Geschichte aber tatsächlich bemerkenswert: Die kritische Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung, und ihr Aufgreifen im Rahmen der Tagesschau (die sich ja ansonsten wie die meisten Medien auf die „Nachrichtenagentur“ BILD verlässt). Sollten die kürzlichen Zeitungsinsolvenzen vielleicht auch dazu geführt haben, dass sich die etablierten Medien darauf besinnen, dass sie eigentlich für ihr Publikum und nicht für das Regierungsdeutschland schreiben? Sollte die wirtschaftliche Drucksituation etwa einem kritischen, gar unabhängigen Journalismus förderlich sein? Immerhin ist bald Weihnachten und da sollen ja bekanntlich Wunder geschehen. Wenn ja, dann wünsche ich mir noch viele „Berichte“ aus dem Regierungsraumschiff Deutschland.

Mit regierungsfreundlichen Grüßen

Ihr

Wolfgang Schwerdt

Tagesschau 24 11:30 Uhr, 28.11.2012

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen