Mittwoch, 15. Mai 2013

Da bin ich voll von Altersstarrsinn

Es gibt keinen Grund, das zu verschweigen: ich bin zweiundsechzig Jahre alt, glaube ich zumindest, denn die Zahl der Jahre, die ich nun schon auf diesem Planeten weile, ändert sich ständig. Jedes Jahr werde ich älter, warum soll ich mir also ständig eine Zahl merken, die auf mein Leben am wenigsten Einfluss hat. Wesentlich mehr Einfluss auf mein Leben hat beispielsweise der Mehrwertsteuersatz oder die jeweilige Ziffernfolge an den Preisschildern der Tankstellen. Natürlich sagt auch der Mehrwertsteuersatz nichts über meinen finanziellen Status aus, warum also sollte die Zahl meiner Lebensjahre etwas über meine mentale oder gesundheitliche Situation aussagen?


Keine Angst, ich werde jetzt nicht die Weisheit der Ratgeber für ältere Menschen wiederkäuen, die da sagt: Jeder ist so alt, wie er sich fühlt. Wäre wirklich cool, wenn sich wenigstens die Ratgeberautoren diese Weisheit mal in ihr marketingdementes Hirn hämmern würden. Aber nein, die „älteren“ Menschen sind eine hochspannende Zielgruppe für die Wirtschaft. Es gibt dabei nur ein Problem: die Festlegung, die Definition dieser Zielgruppe. Älter ist bereits der Zweijährige, älter zumindest als vor einem Jahr und älter als die nachwachsenden Einjährigen. Doch der gehört ebenso wenig wie der drei-, vier- . . zwanzig . . . vierzig oder ???-jährige zur Gruppe des älteren Konsumentengutes. Ganz witzig also, über das Alter sind die Älteren als besagte Zielgruppe eigentlich gar nicht definierbar.

Ältere Menschen und das Geschäft mit der Demographie

Nicht nur im übertragenen Sinne müssen also ein paar Krücken her. Der ideale Markt ist der, bei dem der Nachfrager gezwungen ist, Produkte zu nahezu beliebigem Preis einzukaufen, sei es, weil er sie tatsächlich benötigt, sei es, dass er so lange bearbeitet wird, dass er glaubt, sie zu benötigen - beispielsweise weil er schon älter ist. Das Gesundheitswesen lebt beinahe vollständig von den Älteren. Denn die sind per Definition aufgrund ihres Alters, körperlich krank, befinden sich geistig auf dem Rückzug und sind in jedem Fall betreuungsbedürftig und sie benötigen unbedingt besondere Angebote, Lebenshilfe, Mutmacher und jede Menge spezieller Ratgeber für Ältere. Auch der gesündeste Ältere wird nach einem Arztbesuch die Praxis angemessen krank verlassen.

Marktgerechte Zwangsmetamorphose

Sport für Ältere ist so ein Beispiel. Da hat einer ein Leben lang körperlich geschuftet, bis zur Rente, ein Bär, eine Bärin von Mensch, dessen/deren Leistungsfähigkeit und Robustheit vom Unternehmen bis zum letzten Tag gewinnbringend eingesetzt wurde. Nun machen sich andere Geschäftemacher Sorgen um die Befindlichkeit des als Älterer ja von einem Tag zum anderen außerordentlich fragilen Geschöpfes, dessen Knochen ja bei der geringsten Unachtsamkeit in seine vom Kalk zerfressenen Bestandteile zerbröseln könnten – ein spezieller Ratgeber sowie zahlreiche Kurse und Angebote von „Sport für Ältere“ müssen her. Oder nehmen wir Computerkurse. Ältere brauchen da etwas ganz Besonderes, um die natürliche Scheu vor allem Neuen – sogar vor dem Neuen, das sie selbst im Berufsleben entwickelt und mitgestaltet haben – und natürlich die dem Alter gesetzmäßig innewohnende Begriffsstutzigkeit zu überwinden.

Altersgruppen als Produkte von Marketingstrategien

Auch rüstige Ältere, die eigentlich gewohnt sind ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen – und es auch problemlos können, werden mit altersspezifischen Angeboten nicht allein gelassen. Wandern für Ältere, Bildung für Ältere, Sport für Ältere . . . Hauptsache die „Älteren“ bleiben unter sich und vor allem, sie entwickeln ein Selbstverständnis als Ältere. Erst das macht sie dann als Zielgruppe greifbar und verwertbar. Wo kämen wir denn hin, wenn sich die Angebote einfach an die jeweils richtige Zielgruppenbezeichnung, also beispielsweise Kranke, Gebrechliche, Pflegebedürftige, Doofe, Faule, Computerresistente, E-Book-Verweigerer oder Social-Network-Gegner jeden Alters richten würden. Trotz meines für die Betreuungs- und Beratungsindustrie lukrativen Alters, gehöre ich derzeit zu keiner dieser Zielgruppen. Wenn sich dies ändert, liegt das sicher nicht an meinem Alter. Ich kenne eine Menge hilfebedürftiger Jüngerer, die bei den Angeboten für Ältere besser aufgehoben, und so manchen Älteren, denen die auf Ältere zugeschnittenen Angebote viel zu verschnarcht, ja geradezu peinlich niveaulos sind.
Keine Frage, diese altersorientierte Zielgruppenorientierung diskriminiert nicht nur die „Älteren“ auch die Jüngeren werden in die gesellschaftlichen Zwangsjacken der marktgerechten Altersgruppenkonfektionierung gesteckt und haben unter diesen Ansprüchen und Vorurteilen ebenso zu leiden.

Da mach ich nicht mit

Nicht zum ersten mal erhielt ich kürzlich die Anfrage, für ein Online-Magazin, einen Ratgeber speziell für Ältere zu schreiben – ehrenamtlich natürlich, denn in meinem Alter hat man seine berufliche Karriere anständiger Weise schon hinter sich zu haben und dem Markt nun kostenlos zur Verfügung zu stehen. Als älterer und erfahrener(!) Mensch, hätte ich ja einen direkten Bezug zur Zielgruppe, hieß es, sei also einer von ihnen und könne als internetaffiner(!) Journalist die heilbringenden Botschaften von Pharmaindustrie, Therapieeinrichtungen, Kurbädern, Seminarveranstaltern und nicht zuletzt Ratgeberautoren und  -verlagen besonders glaubwürdig vermitteln.
Nein, kann ich nicht, weder ehrenamtlich noch bezahlt. So leid es mir tut, ich gehöre einfach nicht dazu, weder zur Zielgruppe, noch zu ihren Schöpfern. Ob das wohl schon therapiebedürftiger Altersstarrsinn ist?

Kommentare:

  1. Zorniger alter Mann, kannst du nicht einfach senil werden, wie es sich gehört?

    :-)

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  2. Ich arbeite dran, damit es Deutschland gut geht ;-))))

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